Inhalte und Beschreibung

Lesen Sie hier, wenn Sie Näheres zu folgenden Aussagen erfahren wollen:

  • Manuelle Therapie ist als Spezialisierung innerhalb der Physiotherapie definiert als ein physiotherapeutisches Konzept zur Untersuchung und Behandlung von Funktionsstörungen des Bewegungssystems.
  • Manuelle Therapie baut auf den Grundlagenwissenschaften auf, ist empirisch entstanden und sucht mit Hilfe der Evidence Based Medicine eine Zusammenarbeit mit der akademischen Medizin.
  • Die Analyse und Behandlung in der Manuellen Therapie muss zwischen dem Schmerz und der Bewegungsstörung unterscheiden, die mit den Symptomen korreliert.
  • Die fundamentale Hypothese des manualtherapeutischen mechanischen Denkmodells ist, dass ein eingeschränktes Gleiten der Gelenkflächen die Hauptursache für viele Bewegungsstörungen darstellt (Kaltenborn 2005: 37).
  • Translatorische Mobilisationen suchen mechanische Konflikte zu vermeiden, die bei rotatorischen Mobilisationen entstehen können.
  • Artikuläre, muskuläre und neurale Probleme verlangen jeweils eine spezifische Behandlung!
  • Die Untersuchung und Behandlung der Hypermobilität gehört ebenso zur Manuellen Therapie wie die der Hypomobilität durch passive und aktive Mobilisationen.

 

Was ist manuelle Therapie?

MRI Sagittalschnitteines 45-jährigen gesunden Mannes

MRI Sagittalschnitteines 45-jährigen gesunden Mannes

Orthopädische Manuelle Therapie (OMT) ist ein Konzept zur Untersuchung und Behandlung der Funktionsstörungen des Bewegungssystems. Diese zeigen sich in Symptomen wie Schmerz, Schwäche, Unsicherheit und in klinischen Zeichen wie Veränderungen der Beweglichkeit und der Gewebe (Kaltenborn 2002: 57; Kaltenborn 2003: 1 und 65; Schomacher 2004: 1).

Die Kunst der Heilung durch die Hände ist alt wie die Geschichte der Medizin (Kumar 1996). Dr. James Mennell unterrichtete seit 1916 Physiotherapeuten in der “Wissenschaft und Kunst der Gelenkmobilisation” (Titel seines Buches; Mennell 1949 und 1952). Sein Nachfolger Dr. James Cyriax führte die Tradition fort, Physiotherapeuten zu unterrichten. Geoffrey Maitland und Freddy Kaltenborn mit Olaf Evjenth waren die Physiotherapeuten, denen wir die zwei grundlegenden Konzepte der Manuellen Theapie für Physiotheapeuten verdanken. Sie haben sich auf internationaler Ebene 1974 vereint zur IFOMT (International Federation of Orthopedic Manipulative Therapists). Seit 1978 bildet die IFOMT die erste Untergruppe der WCPT (World Confederation of Physical Therapy).

Das Ziel der IFOMT ist die Weiterentwicklung und internationale Verbreitung der OMT (Endresen 1997).

Vor diesem historischen Hintergrund stützt sich die heutige Manuelle Therapie hauptsächlich auf den medizinischen Wissenschaften wie der funktionellen Anatomie und der Neurophysiologie. Eine ausgedehnte internationale Forschungstätigkeit gliedert die Manuelle Therapie in die “evidence based medicine” ein. Dies ist eine Medizin, die auf der “Offensichtlichkeit” (engl. = evidence) beruht, also auf wissenschaftlichen und klinischen Nachweisen. Der Denk- und Entscheidungsprozeß (Clinical Reasoning) in der Manuellen Therapie benutzt, soweit verfügbar, wissenschaftlich gültige Begründungen.

Manuelle Therapie innerhalb der Physiotherapie

Die Definitionen der Physiotherapie und der Orthopädischen Manuellen Therapie (s. u.) zeigen, dass letztere eine Spezialisierung ist innerhalb der Physiotherapie für Funktionsstörungen des Bewegungssystems ( www.ifomt.org ).

Definition der Physiotherapie
Originaltext Deutsche Übersetzung (frei übersetzt)
Physical therapy is the service only provided by, or unter the direction and supervision of a physical therapist and includes assessment, diagnosis, planning, intervention and evaluation. … Full and functional movement are at the heart of what it means to be healthy (WCPT 2006) Physiotherapie ist der Dienst, der nur unter der Leitung und Aufsicht eines Physiotherapeuten abgegeben wird. Er beinhaltet die Beurteilung, die Diagnose, die Planung, die Durchführung und die Bewertung. … Volle und funktionelle Bewegungen sind das Herz von dem, was mit Gesundsein gemeint ist.

 

Definition der OMT
Originaltext Deutsche Übersetzung (frei übersetzt)
Orthopaedic Manipulative Therapy (OMT) is a specialization within physical therapy and provides comprehensive conservative management for pain and other symptoms of neuro-musculo-articular dysfunction in the spine and extremities.Orthopaedic manipulative therapists work within the orthodox medical system in close liaison with medical practitioners. They are responsible for making a clinical physical diagnosis and for deciding on the suitability of a patient for treatment by observing precautions and recognizing contra-indications.The application of OMT is based on a thorough examination of the neuro-muscular-articular system. This examination serves to define, in physical terms, the presenting dysfunction in the articular, muscular and nervous systems. Equally, the examination aims to distinguish those conditions which contra-indicate management by OMT or those where anatomical anomalies or pathological processes limit or direct the use of OMT procedures.The main goal of OMT is to restore maximal and painfree function to the neuro-musculo-articular systems.” (IFOMT 2006) (… in postural balance – IFOMT 1992) „Orthopädische Manuelle Therapie ist eine Spezialisierung innerhalb der Physiotherapie und liefert eine umfassende konservative Behandlung von Schmerzen und anderen Symptomen neuro-muskulärer und gelenkbedingter Dysfunktionen der Wirbelsäule und der Extremitäten. Orthopädische Manualtherapeuten arbeiten innerhalb des orthodoxen (= anerkannten) medizinischen Systems in enger Verbindung mit praktischen Ärzten. Sie sind verantwortlich für das Erstellen der klinischen physikalischen Diagnose und für die Entscheidung, ob der Patient für die Behandlung geeignet ist bei Beachtung der Vorsichtsmaßnahmen und Erkennung der Kontraindikationen.Die Anwendung der OMT beruht auf einer gründlichen Untersuchung des neuro-muskulären und artikulären Systems. Diese Untersuchung dient zur Bestimmung, in physikalischen Begriffen, der vorliegenden Dysfunktion im artikulären, muskulären und neuralen System. Gleichfalls zielt die Untersuchung auf die Unterscheidung der Bedingungen, bei denen eine Behandlung durch OMT kontraindiziert ist oder solchen, bei denen anatomische Anomalitäten oder pathologische Prozesse den Gebrauch von OMT-Verfahren begrenzen oder leiten.Das Hauptziel der OMT ist die Wiederherstellung der maximalen und schmerzfreien Funktion des neuro-muskulären Gelenksystems.“ (IFOMT 2006 (im Haltungsgleichgewicht – IFOMT 1992).

Die Bedeutung der Manuellen Therapie

Die finanziellen Forderungen der Gesundheitspolitik und die Entwicklungen der Medizin verlangen von uns Physiotherapeuten, unsere praktische Tätigkeit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu begründen (“evidence based medicine/practise”).

Die Manuelle Therapie bietet ein Vorgehen, das einer wissenschaftlich überprüfbaren Methodik folgt mit sichtbaren, messbaren und kontrollierbaren Ergebnissen – ohne sich in zuviel theoretischen Hypothesen zu verlieren. Das Vorgehen ist logisch und basiert auf den medizinischen Grundlagenwissenschaften wie funktionelle Anatomie und Neurophysiologie. Dies ermöglicht eine klare Kommunikation mit Patienten, Kollegen und Ärzten mit einem begründeten Denk- und Entscheidungsprozeß, der in der täglichen Arbeit praktikabel ist.

Inhalte der Manuellen Therapie

MRI Sagittalschnitt mit den tiefen HWS Flexoren und Extensoren eines 45-jährigen gesunden Mannes

MRI Sagittalschnitt mit den tiefen HWS Flexoren und Extensoren eines 45-jährigen gesunden Mannes

Die Physiotherapie ist konfrontiert einerseits mit dem Patienten, der seine Symptome und klinischen Zeichen beklagt, und andererseits mit der Gesellschaft und ihren begrenzten finanziellen Mitteln. Die Physiotherapie kann vor allem durch Bewegung und Haltung(sänderung) auf das mechanische System einwirken, das arthro-neuro-muskuläre System. Die Bewegungsreize beeinflussen die neurologischen, endokrinologischen und metabolischen Systeme. Das physiotherapeutische Handeln wirkt daher nicht nur auf das Bewegungssystem, sondern über dieses auf den gesamten Organismus. Die Interaktion zwischen Patient und Therapeut ist wesentlich in der Behandlung so wie die Umwelt, in der der Patient lebt (biopsychosoziales Krankheitsmodell und ICF = International Classification of Functioning, Disability and Health – www.who.int/classification/ICF ).

Der Unterricht in Manueller Therapie konzentriert sich auf die physischen Aspekte, ohne die Wichtigkeit der psychosozialen zu leugnen. Die Untersuchung umfasst 6 Klassifikationen des Patienten und folgt einer klaren und begründeten Logik mit genauen Zielen.

Eine orientierende Untersuchung erlaubt, das Problem auf eine Region zu begrenzen. Dieses wird anschließend in einer spezifischen Untersuchung analysiert. Schließlich sucht der Physiotherapeut die möglicherweise beeinflussenden oder verursachenden Faktoren. Die Auswirkungen der Erkrankung auf das Leben des Patienten werden anhand der ICF beschrieben. Das Ergebnis ist eine physiotherapeutische Diagnose , die mit einer Probebehandlung überprüft wird.

Es ist hervorzuheben, dass die physiotherapeutische Diagnose die Dysfunktion des Bewegungssystems in Korrelation (Zusammenhang) mit den Symptomen des Patienten stellt. Auf diese Art vervollständigt sie die ärztliche Diagnose, die vorwiegend strukturell ist, ohne mit ihr zu konkurrieren.

Die physiotherapeutische Behandlung sucht ein Verbessern der Kraft, der Ausdauer, der Koordination und der Beweglichkeit (artikulär, muskulär, neural, .). Diese Funktionsverbesserung des Bewegungssystems wird in das tägliche und berufliche Leben übertragen. Die Behandlung des Bewegungssystems hat auch Wirkungen auf die übrigen Systeme des Organismus wie die inneren Organe.

Die manualtherapeutische (und physiotherapeutische) Behandlung kann in 6 Kategorien eingeteilt werden. Der Physiotherapeut wählt daraus je nach Erfordernissen des Patienten:

  • 1. Behandlung der Symptome
  • 2. Mobilisation der Hypomobilität
  • 3. Erhalten der Beweglichkeit
  • 4. Stabilisation/motorische Kontrolle der Hypermobilität und Training
  • 5. Beeinflussung von Gewebeveränderungen
  • 6. Information und Instruktion (Schomacher 2001a: 114)

Theoretische Grundlagen

Ein typisches Merkmal der Manuellen Therapie des OMT Kaltenborn-Evjenth Konzeptes ist die Beachtung der Gelenkmechanik. Der Physiotherapeut wird nicht nur durch die Schmerzreaktion des Patienten durch die Untersuchung und Behandlung geleitet. Auch die Dysfunktion wird ständig kontrolliert und zur Orientierung des Handelns herangezogen.

Daher müssen zwei Apsekte beachtet werden:

1. Die Analyse und Behandlung des Schmerzes , wofür sich die Manuelle Therapie auf die komplexe Schmerzphysiologie im Rahmen des biopsychosozialen Kreankheitsmodells (Engel 1977) beruft.

2. Die Analyse und Behandlung der Bewegungsstörung , die in Korrelation mit den Symptomen steht (Kaltenborn 2002: 57).

Theoretische Grundlagen – Der Schmerz

Die Schmerzphysiologie unterscheidet zwischen einem Rezeptorschmerz (Nozizeption) und einem neuropathischen Schmerz (Weiß und Schaible 2003: 4). Letzterer kann im Nervensystem entstehen entweder durch eine Axonläsion oder aufgrund einer Hypersensibilisierung des Nervensystems. Diese ist ein Merkmal des chronischen Schmerzes. Seine Intensität ist nicht mehr unbedingt proportional (verhältnisgleich) mit der ursprünglichen Läsion (so wie beim akuten Schmerz). Dies kann eine eigene Pathologie darstellen (Schomacher 2001 b + c).

Diese Hypersensibilisierung wird häufig ausgelöst durch einen nozizeptiven Schmerz und durch verschiedene psychosoziale Faktoren beeinflusst (Abb. 1). Der chronische Schmerz verlangt ein spezifisches Vorgehen, das über die einfache Schmerzlinderung mit physikalischen Maßnahmen hinausgeht und auch über die alleinige Behandlung der peripheren Läsion (Vlaeyen et al. 1999; Gifford 1998).

Die Nozizeption stellt nur einen Teil des komplexen Schmerzphänomens dar.

Das biopsychosoziale Krankheitsmodell und das Modell der ICF zeigen, dass die Schmerzerfahrung von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, die wechselseitig wirken.

Die Physiotherapie und auch die Manuelle Therapie dürfen sich daher nicht auf die Analyse und Behandlung einer Läsion (Nozizeption) beschränken. Sie müssen auch die komplexe und leidende Person in ihrem Umfeld beachten und sich darum kümmern. Im angelsächsischen Sprachraum wird von einer manuellen Behandlung des Patienten gesprochen (“hands on”). Doch in bestimmten Fällen ist es vorteilhafter, die Schmerzbewältigungsmechanismen in einer Behandlung zu verbessern, die den Patienten eher leitet als ihn manuell berührt (“hands off”) (Jones und Rivett 2004: 44).

Theoretische Grundlagen – Die Bewegungsstörung

Das grundlegende Konzept des Rezeptorschmerzes beruht aus mechanischer Sicht auf der Hypothese, dass der Ursprung des Schmerzes in vielen Fällen eine übermäßige Spannung (verletzter) Gewebe ist (siehe Cyriax 1982: 43). Dies gilt vor allem für den akuten Schmerz. Beim chronischen Schmerz (s. o.) reichen oft kleine Reize und folglich kleine Funktionsstörungen aus, um den Zustand der Hypersensibiliiserung des Nervensystems aufrecht zu erhalten (Gifford 2004). Diese Reize können klinisch unerkannt bleiben (Giamberardino 2003). Neben dem Bewegungssystem können sie auch von anderen Strukturen herrühren (Abb. 2).

Die Untersuchung eines chronischen Patienten verlangt gut entwickelte Fähigkeiten, um auch kleinste Dysfunktionen erkennen zu können, die bei einem Gesunden keinerlei Schmerz hervorrufen würden. Das Denkmodell der gestörten Bewegungsfunktion geht von der Vorstellung aus, dass es eine physiologische Beweglichkeit gibt. Sie erlaubt der Person eine zufriedenstellende Funktionalität, ohne Strukturen des Bewegungsapparates in übermäßige Spannung zu bringen. Spannung im mechanischen Sinn kann hervorgerufen werden entweder durch eine Verlängerung von Gewebe oder durch Druck auf diese bzw. auch durch Scherkräfte.

Eine Bewegungsstörung bedeutet entweder eine Verminderung oder ein Übermaß an Bewegung in bezug auf die Quantität (Ausmaß: hypo- und hypermobil) und auf die Qualität (Bewegungskontrolle) (O’Sullivan 2005). Diese Dysfunktionen können die Gewebespannung erhöhen und folglich die Nozizeptoren reizen, die wiederum Schmerz hervorrufen. Anfangs ist dies akut, kann aber schnell chronisch werden, wenn das Nervensystem hypersensibilisiert wird.

Gewebeveränderungen begleiten häufig eine Bewegungsstörung, wie z. B. Ödeme und Atrophien. Die Bewegungsstörung mit der Gewebeveränderung und dem Symptom (Schmerz) werden gemeinsam auch mit dem osteopathischen Begriff “somatische Dysfunktion” bezeichnet (Kaltenborn 2002: 57). Diese Dysfunktion ist das Hauptziel des manuellen Vorgehens (“hands on”) in der Manuellen Therapie – zusätzlich zum mehr allgemeinen Vorgehen beim Schmerz, das häufig auch Strategien des “hands off” beinhaltet. Das Ziel ist, die Dysfunktion(en) der Bewegung und die Gewebeveränderung zu finden und zu behandeln, die mit den Symptomen korrelieren (Englisch: signs and symptoms; Kaltenborn 2002: 57).

Das Denkmodell der Bewegungsstörung

Da die Bewegungsstörung sozusagen den „Kern“ des direkten manualtherapeutischen Vorgehens („hands on“) darstellt, soll sie näher analysiert werden.

Die Mechanik ist unterteilt in Kinetik und Kinematik. Die Kinetik beantwortet die Frage, warum sich etwas bewegt (Dynamik) bzw. nicht bewegt (Statik), indem sie die Kräfte analysiert. Die Kinematik antwortet auf die Frage, wie sich etwas bewegt. Dazu analysiert sie die Bewegung im Raum und in der Zeit (Klein 2005). Die mechanische Betrachtungsweise Kaltenborns ist wesentlich beeinflußt worden durch den irischen Anatomisten MacConaill, der die arthrokinematischen Aspekte der Bewegung hervorgehoben hat (MacConaill e Basmajian 1977; MacConaill 1989). Die Arthrokinematik ist die Lehre von den Bewegungen der Gelenkflächen zueinander. Nach Kaltenborn ist das eingeschränkte Gleiten der Gelenkflächen die Hauptursache für viele Bewegungsstörungen (Kaltenborn 2005: 37). Dabei verlagert sich die physiologische Drehachse der Bewegung hin zum Gelenkspalt, wo eine punktuelle Kompression entsteht, während der Gelenkspalt auf der andern Seite aufklafft. Beides kann die Spannung übermäßig erhöhen und folglich Schmerz hervorrufen – sowohl in den artikulären Strukturen als auch in den periartikulären wie Muskeln und Nerv!

Verschiedene Faktoren können diese Gleiteinschränkung hervorrufen. Auf der einen Seite sind die Faktoren, die den Gelenkdruck erhöhen und damit das Gleiten der Gelenkflächen erschweren und vermindern. Dies geschieht allgemein in Gelenken, die hypomobil sind aufgrund einer verkürzten Gelenkkapsel, von Muskelverspannungen, unglatten Gelenkflächen, Adhärenzen zwischen den Gelenkflächen und anderem. Dieses mechanische Phänomen ist seit langem in der Orthopädie bekannt (Jordan 1963: 22 / Abb. 4).

 

Auf der andern Seite steht die Insuffizienz der Faktoren, die normalerweise das Gleiten der Gelenkflächen einleiten – häufig in hypermobilen Gelenken. Beispiele sind eine Ruptur der Kreuzbänder im Kniegelenk oder die (koordinative) Schwäche der Muskeln der Rotatorenmanschette in der Schulter. In der Wirbelsäule ist dies Phänomen mit dem Modell der neutralen Zone für das Wirbelsegment erklärt worden (Panjabi e White 2001: 66; Panjabi 1992; 1990: 21 und 88). Diese Erläuterung ist wahrscheinlich auch auf die Extremitätengelenke übertragbar.

Die Gleiteinschränkung der Gelenkflächen kann folglich sowohl in hypombilen Gelenken geschehen als auch in hypermobilen! Die Bewertung der Beweglichkeit der Gelenkflächen ist daher ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung. In ihr wird unterschieden zwischen rotatorischen Bewegungen (um eine Achse) und translatorische Bewegungen (geradlinig im Verhältnis zu einer Ebene). Die Quantität, die Qualität mit dem Endgefühl und die damit verbundenen Symptome sind wichtige Beurteilungskriterien während der Untersuchung.

In der Behandlung der Gelenksteifigkeit verursacht durch eine bindegewebige Verkürzung (z. B. der Gelenkkapsel) wurde häufig die rotatorische Mobilisation über den ersten Bewegungsstop hinaus angewandt. Diese kann eine punktuelle Kompression zwischen den Gelenkflächen hervorrufen, die den Knorpel verletzen kann – zusätzlich zu einem vom Patienten empfundenen Einklemmschmerz. Um dieses Phänomen zu vermeiden, benutzt der Physiotherapeut translatorische Bewegungen, die – besonders als Traktion – eine eventuelle Kompression der Gelenkflächen vermeiden (Abb. 5 und 6). Um diese tanslatorischen Bewegungen orientieren zu können, hat Kaltenborn 1954 die sogenannte Behandlungsebene eingeführt, „um die Kompressionskräfte auf das Gelenk noch weiter zu reduzieren“ (Kaltenborn 2005: 14).

Die manuelle Mobilisation kann nicht in wenigen Tagen eine Gelenkbeweglichkeit wiederherstellen, wenn die Ursache eine Verkürzung des Bindegewebes ist (Kessler et al. 2005; Schomacher 2007). Zusätzlich zur passiven Mobilisation des Therapeuten ist die Mitarbeit des Patienten gefordert, regelmäßig zu Hause Selbstübungen mit großen Bewegungen und langen Lagerungen durchzuführen (Abb. 7). Die aktive Bewegung stellt einen wesentlichen Teil der Behandlung in der Manuellen Therapie dar und umfaßt auch das Training.

Die Ursache der Hypomobilität kann nicht nur artikulär sein, sondern auch muskulär oder neural. Jede Struktur verlangt spezifische Techniken! Während für die artikulären Probleme translatorische Bewegungen benutzt werden, dienen rotatorische Bewegungen zur Muskeldehnung und –entspannung und zum Training (Abb. 8). Die Funktionen des Nervensystems sind die Impulsleitung (Sensibilität, Motorik und vegetative Funktion) und die Mobilität (Mechanik). In der Untersuchung und Behandlung des neuralen Systems muß der Physiotherapeut unterschieden zwischen einer Kompression, einer Adhäsion und einer Reizung (Abb. 9).

Ein weiterer Bereich betrifft die Behandlung der Hypermobilität. Hier bestehen im Prinzip vier Behandlungsmöglichkeiten:

  • passive Stabilisation mit Hilfe von z. B. einer Schuheinlage für den Fuß, eines Gurtes für das sacro-iliacale Gelenk usw.
  • aktive Stabilisation durch Training der verschiedenen muskulären Fähigkeiten (Koordination, Kraft …) (Abb. 10)
  • Mobilisation von hypomobilen Nachbargelenken/-segmenten
  • Vermeiden endgradiger großer Bewegungen

Die Vorstellung der Dysfunktion ist folglich, dass eine Veränderung der Quantität (hypo-/hypermobil) und/oder der Qualität (Bewegungskontrolle) eine übermüßige Spannung auf die Gewebe des Bewegungssystems hervorrufen kann, die wiederum Schmerz auslöst. Ein Wiederherstellen dieser Funktion vermindert diese Spannung und also auch den Schmerz. Es ist hervorzuheben, dass diese etwas vereinfachte Darstellung sich auf das reine mechanische Problem beschränkt. Der Schmerz jedoch ist ein sehr komplexes Phänomen und verlangt ein multifaktorielles Vorgehen in der Behandlung, wie oben erläutert.

 Literatur

  • Cyriax, J.: Textbook of Orthopaedic Medicine, Vol. 1. London …: Ballière Tindall, 1982
  • Endresen J E. Geleitwort. Zeitschrift Manuelle Therapie, 1 (1), 1997: 2
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  • IFOMT = International Federation of Orthopedic Manipulative Therapists:
  • IFOMT 2006: http://www.ifomt.org/ifomt/about/omtdefinition (heruntergeladen am 26.09.2006)
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  • Schomacher J. Schmerz – Entstehung, Leitung, Verarbeitung und physiotherapeutische Beeinflussung, Teil 2, Manuelle Therapie, Jhrg. 5, Heft 3, Thieme Verlag, Stuttgart – New York, 2001: 112-120 (c)
  • Schomacher J. Manuelle Therapie – Bewegen und Spüren lernen. Stuttgart – New York: Georg Thieme Verlag, 2004
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  • WCPT = World Confederation of Physical Therapists
  • WCPT 2006. Declarations of principle and position statements. http://www.wcpt.org/common/docs/WCPTPolicies.pdf (scaricato il 02.09.2006: 28)
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Zur Beschreibung der Manuellen Therapie siehe auch:

  • Schomacher J. Manuelle Therapie. Zeitschrift für Physiotherapeuten, 54 (11), 2002: 1796 – 1806
  • Schomacher J. Was sind Manuelle Therapie und Osteopathie? Manuelle Therapie, 6 (2), 2002: 95 – 101
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